Ausstellung: COMMON SPACES – UNCOMMON DESIGN

Digitale Darstellung der Ausstellung: COMMON SPACES – UNCOMMON DESIGN anlässlich des Protesttages am 5. Mai.

 

Kapitel 1: Für wen gestalten wir wirklich?

»Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.« Grundgesetz Artikel 3, Absatz 3, Satz 2

Design ist überall. Es bestimmt, wie wir uns bewegen, kommunizieren und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Doch Gestaltung ist nicht neutral. Sie folgt Normen, Annahmen und Gewohnheiten und schließt dabei oft Menschen aus. Diese Ausstellung stellt eine einfache, aber grundlegende Frage: Wer wird mitgedacht – und wer nicht?
Im Rahmen des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung am 5. Mai lädt diese Ausstellung dazu ein, Gestaltung neu zu denken: gerechter, zugänglicher und gemeinschaftlicher. Denn eine inklusive Gesellschaft entsteht nicht zufällig: Sie wird gestaltet.

 

Kapitel 2: Hintergrund das Projekt und der Protesttag

Gestalten jenseits der Norm an der School of Architecture Bremen

Im Sommersemester 2025 entstand an der School of Architecture Bremen das Wahlmodul »Common Spaces – Uncommon Design: Inklusive Gestaltung jenseits der Norm« – offen für Bachelor- und Masterstudierende. Im Mittelpunkt standen Fragen sozialer Gestaltung, Inklusion sowie der Umgang mit unterschiedlichen Körpern, Fähigkeiten und Lebensrealitäten. Die Studierenden entwickelten in diesem Rahmen Projekte, die untersuchen, wie Gestaltung Teilhabe ermöglichen und Barrieren abbauen kann.
Die in dieser Ausstellung gezeigten Arbeiten sind ausgewählte Ergebnisse dieses Prozesses – Experimente, Werkzeuge und Entwürfe, die unterschiedliche Perspektiven auf inklusive Gestaltung sichtbar machen.
Gestaltung wird dabei als gesellschaftliche Verantwortung verstanden, die Teilhabe ermöglicht und Ausschlüsse sichtbar macht.

Der Europäische Protesttag für Menschen mit Behinderung

Seit über 30 Jahren veranstalten Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe rund um den 5. Mai überall in Deutschland Podiumsdiskussionen, Informationsgespräche, Demonstrationen und andere Aktionen. Dabei geht es darum, die Kluft zwischen dem im Grundgesetz verankerten Anspruch der Gleichberechtigung für alle Menschen und der Lebenswirklichkeit Stück für Stück zu überwinden. Die Aktion Mensch fördert dieses Engagement und ermöglicht verschiedenste Aktionen, wie auch diese Ausstellung.

Logo: Gefördert durch die Aktion Mensch

Kapitel 3: Warum entstehen Räume, die nicht für alle funktionieren?

Räume werden oft nach festen Vorstellungen geplant, die nicht die Vielfalt der Menschen berücksichtigen. Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen werden häufig nicht mitgedacht. Planung, Gewohnheit oder fehlendes Wissen führen dazu, dass Räume unzugänglich bleiben. Barrieren sind kein Zufall — sie werden gestaltet.

Was sind Normen?

Normen sind vereinbarte Regeln. Sie legen fest, wie Dinge gestaltet oder gebaut werden sollen. In Deutschland werden viele dieser Regeln vom Deutsches Institut für Normung entwickelt. Normen helfen dabei, Planung zu vereinfachen: Sie sorgen dafür, dass Maße zusammenpassen, dass Gebäude sicher sind und dass Produkte vergleichbar funktionieren. Auch in Architektur und Design spielen Normen eine wichtige Rolle. Sie geben Orientierung und schaffen Verlässlichkeit. Gleichzeitig basieren Normen auf Annahmen und Durchschnittswerten. Sie sind Vereinfachungen — keine Abbildung aller Menschen.

Was sagt die DIN 18040?

Die Norm DIN 18040 legt fest, wie Gebäude geplant werden sollen, damit sie für möglichst viele Menschen zugänglich sind. Sie schafft die Grundlage für Barrierefreiheit, Mobilität und selbstständiges Leben. Damit trägt sie dazu bei, Rechte umzusetzen, die im Grundgesetz und in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert sind. Eine Norm allein garantiert noch keine inklusive Gestaltung.
Sie setzt Rahmen – aber sie beschreibt keine Vielfalt. Wie verhält sich Deine Körpergröße zu gängigen Planungsmaßen in Architektur und Design?

Was sind Common Spaces?

Common Spaces sind Räume, die von allen Menschen benutzt werden sollen, ohne dass jemand ausgeschlossen wird.  Beispiele sind Wohnhäuser, Straßen oder Parks. Doch die Realität sieht anders aus. 

»Nur etwa zwei Prozent aller Wohnungen sind für Menschen geeignet, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind. Das bedeutet für viele ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen, dass sie keine passenden Wohnungen finden und nur deswegen in einem Heim leben müssen. 

Der Bedarf ist groß: Schon heute fehlen über zwei Millionen barrierefreie Wohnungen. Diese Versorgungslücke droht von Jahr zu Jahr größer zu werden. Umso wichtiger ist es, dass neue Wohnungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Wenn man das von Anfang an einplant, steigen die Baukosten nur minimal, nämlich um nicht einmal zwei Prozent.«

Was sind Barrieren? 

»Als Barrieren gelten Hindernisse, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zu vielen Lebensbereichen erschweren oder unmöglich machen. Sie entstehen, wenn eine Umgebung so gestaltet ist, dass nicht alle sie ohne fremde Hilfe nutzen können. Zum Beispiel Gebäude, Schulen, öffentliche Wege, Verkehrsmittel, Gebrauchsgegenstände wie Geldautomaten oder Informationsquellen wie das Internet. 

Sind diese nicht an den verschiedenen Anforderungen von Menschen mit körperlichen, sensorische oder psychischen Beeinträchtigungen ausgerichtet, behindert das deren Teilhabe. Barrieren entstehen aber auch durch Vorurteile oder Berührungsängste, die Menschen aus der Gesellschaft ausschließen.«*

Gibt es genug barrierefreien Wohnraum?

Nur etwa zwei Prozent aller Wohnungen sind für Menschen geeignet, die auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen sind. Umso wichtiger ist es, dass neue Wohnungen nur noch barrierefrei gebaut werden. Wenn man das von Anfang an einplant, steigen die Baukosten nur minimal, nämlich um nicht einmal zwei Prozent.*

 

Exkurs: Ein paar Maße

1,20 Meter

  • ausreichend für eine Person im Rollstuhl 
  • ermöglicht Geradeausfahren in Fluren und Wegen
  • typische Breite für barrierearme Durchgänge und Verkehrsflächen
  • kommt häufig in der DIN 18040 vor 
  • aber kein bequemes Wenden, kein Begegnungsverkehr

1,50 Meter

  • notwendig zum Wenden mit dem Rollstuhl
  • bietet Platz für eine Person im Rollstuhl und einer weiteren Person daneben
  • Standard für Bewegungsflächen in alltäglichen, wichtigen Bereichen (z. B. Bad, Küche, Aufzug)
  • zentrales Planungsmaß der DIN 18040
  • für eine selbstständige und uneingeschränkte Nutzung

Wie groß bist Du?

  • 173 cm groß ist der Durchschnittsmensch in Deutschland.* (*Statistisches Bundesamt (Destatis): Körpermaße der Bevölkerung 2025, Stand 21.04.2026. )
  • 166 cm die Durchnittsfrau
  • 179 cm der Durchschnittsmann

 

Exkurs: Partizipation in der Gestaltung

Gestaltung entscheidet darüber, wie Räume genutzt werden können – und für wen sie funktionieren. Architektur und Design prägen unseren Alltag, oft stärker, als es bewusst wahrgenommen wird. Dennoch werden viele Entscheidungen über Räume, Gebäude und Produkte getroffen, ohne dass die Menschen einbezogen werden, die sie später nutzen. Planung basiert häufig auf Annahmen darüber, wie Menschen »typischerweise« leben, sich bewegen oder Räume wahrnehmen. Dadurch entstehen Lösungen, die bestimmte Perspektiven berücksichtigen und andere ausschließen. Wenn Gestaltung darüber entscheidet, wer Zugang hat und wer nicht, stellt sich eine grundlegende Frage: Wer entscheidet eigentlich über Gestaltung? Partizipation in der Gestaltung bedeutet, mit Menschen zu gestalten statt über sie hinweg. Unterschiedliche Perspektiven werden früh in den Entwurfsprozess einbezogen und als gleichwertiger Teil der Planung verstanden. Es geht dabei nicht darum, alle Bedürfnisse vollständig abzubilden, sondern darum, Vielfalt sichtbar zu machen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen.

 

Zwei Projekte mit Fokus Partizipation

»Co-Design. Leitfaden für Architekt*innen« von Tankred Netzer.

Gestaltung ist nicht nur die Aufgabe einzelner Expert*innen, sondern ein gemeinsamer Prozess. Im Kontext des Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung bedeutet das auch: Gestaltung ist Teil gesellschaftlicher Rechte. Es geht darum, Barrieren abzubauen und Teilhabe aktiv zu ermöglichen – nicht nachträglich zu korrigieren. Partizipation verändert nicht nur Ergebnisse – sondern die Art, wie wir gestalten und mit wem wir sie gestalten. Ein Beispiel dafür ist der Leitfaden
»Co-Design. Leitfaden für Architekt*innen« von Tankred Netzer. Er zeigt, wie gemeinsame Entwurfsprozesse in Architektur und Design praktisch umgesetzt werden können.

»IncluCards — Perspektiven spielerisch verstehen« von Marie Schewa

IncluCards — Perspektiven spielerisch verstehen IncluCards ist ein inklusives Quartett mit Quizfragen rund um das Thema Inklusion. Das Spiel arbeitet mit Personas und macht unterschiedliche Lebensrealitäten sichtbar. So können Perspektiven entdeckt werden, die im Alltag oft übersehen werden. Spiel mit. Nimm dir das Set und probiere es aus.

Kapitel 5: Perspektivwechsel UNCOMMON DESIGN

Gestaltung orientiert sich nicht mehr an einer vermeintlichen Norm, sondern an unterschiedlichen Körpern, Bedürfnissen und Lebensrealitäten. Es geht dabei nicht um besondere oder »spezielle« Lösungen, sondern um Gestaltung, die Vielfalt als Ausgangspunkt versteht. Wenn Gestaltung gemeinsam gedacht wird, verändert sich nicht nur der Prozess – sondern auch das Ergebnis. Räume, Objekte und Systeme müssen dann nicht mehr einem einzigen Standard folgen. Sie werden vielfältiger, flexibler und situationsabhängiger.

Was ist Inklusion?

»Alle Menschen sind unterschiedlich. Inklusion bedeutet, die Gesellschaft so zu gestalten, dass alle mit all ihren Unterschieden gleichberechtigt mitmachen können. Ob beim Lernen, Arbeiten, in der Politik oder im Alltagsleben: Inklusion ist, wenn niemand ausgeschlossen wird. Zum Beispiel, wenn Kinder mit und ohne Behinderungen zusammen in der Schule lernen. Oder wenn Rampen dafür sorgen, dass auch Menschen im Rollstuhl sich überall hinbewegen können. Das heißt: Nicht das Individuum muss sich an vorhandene Strukturen anpassen und mit Barrieren leben. Vielmehr muss die Gesellschaft Barrieren abbauen und Strukturen schaffen, damit alle Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.«* (*Aus: Was ist Inklusion? Fragen und Antworten. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte; Berliner Landeszentrale für politische Bildung, Dezember 2024, S. 6.)

 

Weitere Projekte:

»Offenes Ohr« von Maria Deutschmann und Moritz Heyde

»Ausstellung. Inklusiv. Machen.« von Finja Ruschmeyer und Celine Penniggers

»She builds. Sie planen. Sie bauen. Sie verändern.« von Sara Schwarz

»Blind Map« von Sophia Aulich und Kiara-Katharina Klose 

»BlindMap« ist ein taktiles Werkzeug, mit dem Grundrisse fühlbar werden. Wände, Wege und Räume werden mit strukturiertem Klebeband auf einer Platte übertragen und können so ertastet werden. Aus einem visuellen Plan wird ein erfahrbarer Raum. Das System lässt sich einfach und präzise anwenden und kann von Planungsbüros und Gestalter*innen direkt in den Entwurfsprozess integriert werden.

Exkurs: Was ist das Zwei-Sinne-Prinzip?

»Das Zwei-Sinne-Prinzip ist ein Grundsatz einer möglichst barrierefrei gestalteten Umwelt. Es fordert, dass wichtige Informationen mindestens für zwei der drei Sinne Sehen, Hören oder Tasten verfügbar sind. Für Menschen mit Sinneseinschränkungen erhöht das die Chance, Informationen über einen anderen Sinn wahrzunehmen. 

Zum Beispiel bei gleichzeitig hör- und sichtbaren Alarmsystemen. Auch akustische Signale und Vibrationen an Fußgängerampeln, Anzeigen und verständliche Durchsagen an Haltestellen und in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie ertastbare Orientierungs- und Leitsysteme auf Gehwegen und in Gebäuden ermöglichen ihnen, sich selbstständig und sicher im öffentlichen Raum bewegen zu können.«* (*Aus: Was ist Inklusion? Fragen und Antworten. Berlin: Deutsches Institut für Menschenrechte; Berliner Landeszentrale für politische Bildung, Dezember 2024, S. 27.)

 

 

Exkurs: Wie ist bessere Lesbarkeit möglich?

Lesbarkeit ist eine Gestaltungsentscheidung

Texte sind nie nur Information. Sie sind immer auch Gestaltung. Schriftwahl, Kontrast, Größe und Layout bestimmen, wer lesen kann – und wer nicht.

Viele visuelle Entscheidungen folgen ästhetischen Gewohnheiten: feine Linien, geringe Kontraste, reduzierte Typografie. Besonders in Architekturzeichnungen und Plänen gelten sie oft als »präzise« oder »elegant«. Doch diese Gestaltung ist nicht für alle lesbar. Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, mit kognitiven Einschränkungen oder auch unter schlechten Lichtbedingungen stoßen schnell an Grenzen. Was gut aussieht, ist nicht automatisch gut zugänglich. 

Gestaltung bedeutet Auswahl.
Und jede Auswahl schließt auch etwas aus. Eine sehr leichte Schrift wirkt elegant, kann aber schwer lesbar sein. Geringe Kontraste wirken ruhig, können aber Informationen unsichtbar machen. Komplexe Layouts wirken interessant, können aber überfordern. Es gibt keine perfekte Lösung für alle. Aber es gibt bewusste Entscheidungen. 

Gestalten wir für Wirkung oder für Zugänglichkeit?

Auch Schriften zeigen, wie unterschiedlich Bedürfnisse sind: Manche Schriften wurden speziell für bessere Lesbarkeit entwickelt, wie die »Atkinson Hyperlegible«. Unsere Ausstellung verwendet diese Schriftart. Andere, wie »Comic Sans«, werden in bestimmten Kontexten empfohlen, weil ihre Formen für einige Menschen leichter unterscheidbar sind. Lesbarkeit ist keine Frage von gutem oder schlechtem Geschmack. Sie ist eine Frage der Nutzung.

Lesbarkeit ist eine Gestaltungsentscheidung

Viele visuelle Entscheidungen folgen ästhetischen Gewohnheiten: feine Linien, geringe Kontraste, reduzierte Typografie. Besonders in Architekturzeichnungen und Plänen gelten sie oft als »präzise« oder »elegant«. Doch diese Gestaltung ist nicht für alle lesbar. Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, mit kognitiven Einschränkungen oder auch unter schlechten Lichtbedingungen stoßen schnell an Grenzen. Was gut aussieht, ist nicht automatisch gut zugänglich. Gestaltung bedeutet Auswahl. Und jede Auswahl schließt auch etwas aus. Eine sehr leichte Schrift wirkt elegant, kann aber schwer lesbar sein. Geringe Kontraste wirken ruhig, können aber Informationen unsichtbar machen. Komplexe Layouts wirken interessant, können aber überfordern. Es gibt keine perfekte Lösung für alle. Aber es gibt bewusste Entscheidungen. Gestalten wir für Wirkung oder für Zugänglichkeit? Auch Schriften zeigen, wie unterschiedlich Bedürfnisse sind: Manche Schriften wurden speziell für bessere Lesbarkeit entwickelt, wie die »Atkinson Hyperlegible«. Andere, wie »Comic Sans«, werden in bestimmten Kontexten empfohlen, weil ihre Formen für einige Menschen leichter unterscheidbar sind. Lesbarkeit ist keine Frage von gutem oder schlechtem Geschmack. Sie ist eine Frage der Nutzung.

 

 

Urheber der Ausstellung

Die Ausstellung wurde initiiert und kuratiert von Carolina Bergedieck, Johanna Hannemann und Nina Möllering. Möglich wurde sie durch die Zusammenarbeit von Menschen, Initiativen und Institutionen:

cajodesign

Designstudio mit dem Schwerpunkt auf nachhaltige und soziale Gestaltung

School of Architecture Bremen (SoAB)

Veranstaltungsort und Rahmen für das Lehrangebot im Sommersemester 2025

Aktion Mensch

Förderung und finanzielle Unterstützung der Ausstellung anlässlich des Europäischen Protesttag für Menschen mit Behinderung

EDAD – Design für Alle Deutschland e.V.

Kompetenznetzwerk für barrierefreie und inklusive Gestaltung sowie Initiator des Förderantrags

Moritz Heyde

Tatkräftige Unterstützung bei Bau und Umsetzung